Der Blick aus der Krise: Wirtschaftspolitik für Verantwortung und Innovation
Vortrag von Prof. Dr. Michael Hüther zum RADIO DAY 2009
Was führt uns aus der Krise und welche Konsequenzen sollte die Politik aus den Geschehnissen des vergangenen Jahres ziehen? Prof. Dr. Michael Hüther erläutert dem RADIO DAY-Publikum 2009, warum er zu diesem Thema eine vorsichtig-optimistische Prognose wagt. Er vertritt die These, die Talsohle sei bereits überschritten und viele Indikatoren sprächen für einen Aufwärtstrend – wenn auch auf niedrigem Niveau.
Finanzmarkt- oder Überinvestitionskrise?
Doch zunächst geht es Hüther um die Deutung der Krise: Er stellt klar, dass es aus seiner Sicht keine Zwangsläufigkeit für einen weltweiten Einbruch der Wirtschaft gab. Doch sei, während die ersten Banken zusammenbrachen, schnell die Situation einer Misstrauenspandemie erreicht worden: Weltweit wurden vorsorglich Aufträge storniert, die eine Talfahrt der Wirtschaft beschleunigten.
Der Professor präsentiert seinen Zuhörern zwei Versionen der Krisen-Deutung, die in Fachkreisen vertreten werden: Die eine Gruppe, zu der sich Hüther selbst zählt, geht bei den aktuellen Ereignissen von einer Finanzmarktkrise aus, ausgelöst durch Faktoren wie den Verstoß gegen den Grundsatz der Haftung, der Überdehnung des Eigenkapitals, einer Fehlorientierung der Geldpolitik in den USA sowie eines Versagens der Finanzaufsicht. Vertreter der zweiten Version, die eine Überinvestitionskrise annehmen, machen den Kreditboom seit Ende der 1980er Jahre sowie die Redimensionierung weltwirtschaftlicher Kapazitäten dafür verantwortlich. Vertrete man diese Linie, so müsse man laut Hüther von einem deutlich längeren Erholungsweg ausgehen.
An dieser Stelle erläutert er jedoch, warum aus seiner Sicht alle Indikatoren für die erste Version sprechen, die ihre spezifischen Ursachen im Finanzsystem sucht. Zur Erklärung durchleuchtet er Aspekte wie eine neue Balance von Staat und Markt, die besondere Exportorientierung Deutschlands und die spezielle deutsche Unternehmenslandschaft.
Übereinstimmung von Erwartung und tatsächlicher Lage
Doch wie bewerten deutsche Unternehmen inzwischen ihre aktuelle Situation? Der ifo-Geschäftsklima-Index belegt, dass die Erwartungshaltungen steigen. Und das nicht ohne Grund: Anhand verschiedener Beispiele verdeutlicht Hüther seinem Publikum, welche Indikatoren auf eine langsame Erholung der wirtschaftlichen Lage hindeuten: Die deutsche Industrie verzeichnet langsam zunehmend steigende Auftragseingänge. So konnte zum Beispiel die Verpackungsindustrie im Juli erstmals wieder auf ein Auftragsniveau blicken, das dem Stand von 2008 entsprach. Auch der Baltic Dry Index, der Auskunft über die Situation im Fracht- und Transport-Gewerbe gibt, bewegt sich langsam aufwärts. Insgesamt lässt sich feststellen, dass in deutschen Unternehmen bei der Einschätzung der aktuellen Lage eine positivere Stimmung herrscht. Der Experte dämpft jedoch allzu optimistische Erwartungen: Man müsse damit rechnen, dass die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte mindestens eine Dekade in Anspruch nehme und sich damit bis etwa zum Jahr 2020 hinziehen werde.
Wirtschaftspolitscher Handlungsbedarf ist gefragt
Am Ende seines Vortrages entlässt der Referent sein Publikum mit einer ganzen Reihe deutlicher Forderungen hinsichtlich der notwendigen wirtschaftspolitischen Maßnahmen. Denn das nach seiner Ansicht entscheidende Thema, dem sich die heutige Politik stellen müsse, sei die Frage nach der Haushaltskonsolidierung. Wichtig sind Hüther in diesem Zusammenhang klare Aussagen darüber, wie die künftige Wirtschaftsordnung Deutschlands aussehen soll – eine Forderung, zu der er Antworten in den aktuellen Wahlaussagen vermisse. Hüther spricht sich in seinem Vortrag zudem deutlich gegen eine Erhöhung der Mehrwertsteuer aus, die nach seiner Ansicht die Konjunktur gezielt abwürgen würde. Eine sinnvolle Maßnahme sieht er hingegen in einer neuen Finanzmarktordnung mit veränderten Eigenkapitalforderungen an Banken und einem Haftungsprinzip für Finanzmarktprodukte, das den Verkäufer in die Pflicht nimmt.
Der Eindruck, den das RADIO DAY-Publikum an diesem Tag aus Hüthers Vortrag mitnimmt, lautet daher: Wir dürfen durchaus vorsichtig-optimistisch in die Zukunft blicken, wenn jeder seinen Teil der Verantwortung trägt und die Politik wirkungsvolle Maßnahmen in die Tat umsetzt. Und davon wird dann auch die Werbebranche profitieren.
Prof. Dr. Michael Hüther
Prof. Dr. Michael Hüther ist seit 2004 Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Zusätzlich dazu hält er eine Honorarprofessur für allgemeine Volkswirtschaftslehre an der European Business School, Reichartshausen. Zuvor war er ab 1999 als Chefvolkswirt der DekaBank in Frankfurt/Main tätig.
