Die Persönlichkeit macht den Unterschied
Vortrag „Radiostar Reanimated“ zum RADIO DAY 2009
Bereits 1979 besangen die Buggles den Tod des Radiostars. Heute sehen die Medienauguren das Radio erneut in Gefahr – bedroht von Webradio, Personal Audio oder On-Demand-Streaming. Ihre Waffen: Nonstop-Musik via DSL und individualisierte Jukeboxes. Können die neuen Onlinedienste Radio tatsächlich ersetzen oder liegen die wahren Stärken von Hörfunk nicht ganz woanders? Moderiert von Frank Salzbrenner diskutieren Thomas Koschwitz, Jörg Bombach, Axel Hose und Katrin Schmick darüber, wer oder was täglich Millionen Menschen dazu bringt, ihr Radio einzuschalten. Ist es wirklich nur die Musik, die den Unterschied macht und die Entscheidung für oder gegen einen Sender beeinflusst? Wie wichtig sind On-air-Persönlichkeiten für das Überleben des Mediums? Und gibt es sie überhaupt noch?
Erfolgsfaktor Radiostar
Ist das Radio tot? Diese Frage beantworten die Referenten einstimmig mit nein. Das Radio sei lebendig und trendy, was nicht zuletzt der Rolle des Radiostars zu verdanken sei. Radiopersönlichkeiten wie zum Beispiel die „Morgenmen“ Carsten Köthe (RSH) oder John Ment (Radio Hamburg), die gefühlt mit den Hörern am Frühstückstisch säßen und eine eigene Meinung verträten, seien nicht durch Nonstop-Musik via DSL zu ersetzen. Der Trend gehe eindeutig wieder hin zum Star Appeal einer Radiopersönlichkeit, nachdem diese in einer „dunklen Phase“ vor 15 Jahren dem Untergang geweiht schienen. Man habe sich den Vorwurf anhören müssen, dass Radiostars hinter dem Zeitgeist her hinkten und man sie nicht mehr hören wolle. Bombach merkt in diesem Zusammenhang an, dass viele Radiostars den Markt damals mit Eitelkeiten sehr egoistisch selbst kaputt gemacht hätten und nimmt sich dabei selbst nicht aus.
Haben wir genug On-air-Persönlichkeiten?
Die Diskussionsteilnehmer sind der Meinung, dass es noch längst nicht genug Personalitys im Radio gibt. Schuld daran sei vor allem die Angst der Programmdirektoren, Moderatoren mit eigener Meinung nicht steuern zu können und dadurch Risiken einzugehen. Denn Radiopersönlichkeiten bräuchten Raum zur Entwicklung, müssten Grenzen austesten und Fehler machen dürfen. Man müsse als Entscheider den Mut haben, neue Persönlichkeiten zu entdecken, zu fördern und sie nicht beim ersten Fehler aus Angst vor sinkenden Quoten zu zensieren. Hinzu käme das Neidphänomen: Schwächere Kollegen verbündeten sich oft aus Neid auf erfolgreiche und beliebte Kollegen und würden diesen dadurch Steine in den Weg legen. Es müsse im „eigenen Haus“ Vorgesetzte und Kollegen geben, die aufstrebende Talente bereitwillig fördern.
Die Zukunft der Radiostars
Da heute jeder im Fachgeschäft digitale Receiver mit 200 Radiosendern erwerben kann, müssen die Radiosender sich zwingend weiter mit On-air-Persönlichkeiten im Wettbewerb bewähren, so die Diskussionsteilnehmer. Was einen echten Radiostar ausmache, sei eine Aneinanderreihung positiv besetzter Alleinstellungsmerkmale wie zum Beispiel der Dialekt für bestimmte Regionen, eine Stimme mit hohem Wiedererkennungswert oder Mut zur eigenen Meinung. Es wird darüber debattiert, ob man bei den Radiostationen „Forschungsabteilungen“ oder ein Trainingsangebot für Nachwuchstalente einrichten sollte. Koschwitz regt an, dass solche „Forschungsabteilungen“ bei öffentlich-rechtlichen Sendern angesiedelt werden sollten, da die Privatradios vorrangig sich selbst finanzieren müssten. Bombach hingegen spricht sich gegen die Notwendigkeit eines speziellen Trainingslagers für Radiostars aus, da es ein natürlicher Vorgang sei, sich von kleineren Sendern und Late-Night-Sendungen nach oben zu entwickeln.
Einig ist man sich jedoch darüber, dass die Frage: „Wo kriegen wir die Radiostars von morgen her?“ ganz oben anzusiedeln sei – und damit „Chefsache“. Visualisierungen wie zum Beispiel Plakate mit dem Konterfei eines Moderators könnten darüber hinaus die Bekanntheit stützen und beim Aufbau eines „Radiostar-Images“ helfen. Ebenso sollte die Attraktivität der Radiobranche für Nachwuchstalente gefördert werden, indem zum Beispiel Branchenpreise medienwirksam in größerem Stil inszeniert werden und dadurch bei jungen Menschen den Wunsch „Oh, das will ich auch machen!“ wecken.
Am Ende der Diskussion sind sich die Teilnehmer einig: Die Radiostars von heute wünschen sich mehr Radiostars von morgen. Damit sich Nachwuchstalente zu solchen Radiopersönlichkeiten entwickeln können, sei es die Pflicht der öffentlichen und privaten Sender, in die Zukunft der jungen Leute zu investieren und Persönlichkeiten mit Leidenschaft zu fördern.
Zu den Personen
Moderator Frank Salzbrenner, Radioberater bei bci – the broadcast partner in Schwaig, führt ein Panel mit folgenden Referenten:
- Thomas Koschwitz, u.a. „Koschwitz am Morgen“ (Berliner Rundfunk), „Koschwitz zum Wochenende“ (Berliner Rundfunk, Radio Brocken, MAIN FM, Dein Radio Kompakt), „Koschwitz Classic Hits“ (Berliner Rundfunk)
- Jörg Bombach, hr3-Programmchef, seit 2001 Vorstand der "hessenstiftung - familie hat zukunft".
- Axel Hose, Geschäftsführer Programm bei RSH
- Kathrin Schmick, Moderatorin WDR 2
Frank Salzbrenner
Moderator Frank Salzbrenner, Radioberater bei bci – the broadcast partner in Schwaig
