Erreichbarkeit über das Ohr – Stichworte zu einer Audioanthropologie
Vortrag von Prof. Dr. Peter Sloterdijk zum RADIO DAY 2009
In einem „theoretischen Hörspiel, das zugleich die Bedingungen dieses Hörspiels reflektiert“ entwickelt Prof. Dr. Sloterdijk eine audiophone Anthropologie – und gibt modernen Medienmachern eine Anleitung zum guten Kommunizieren.
Starke Sendungen, schwache Sendungen
Zu Beginn seines Vortrags widmet sich Prof. Dr. Peter Sloterdijk der Frage nach dem Unterschied zwischen einer starken und einer schwachen Sendung. Er greift dazu auf eine Parabel von Franz Kafka zurück, die seiner Meinung nach den Status quo unseres modernen Medienverhältnisses widerspiegelt:
„Es wurde ihnen die Wahl gestellt, Könige oder der Könige Kuriere zu sein. Nach Art der Kinder wollten alle Kurier sein. Und deshalb gab es lauter Kuriere. Sie jagen durch die Welt und rufen – da es keine Könige gibt – einander selbst die sinnlos gewordenen Meldungen zu. Gerne würde sie ihrem elenden Leben ein Ende machen, sie wagen es nicht wegen des Diensteides.“
Dieser Nihilismus oder sogar Infantilismus der Boten aus Kafkas Parabel zeigt sich laut Sloterdijk auch in unserer heutigen Mediengesellschaft, die vom Internet geprägt ist: Alle möchten die Rolle des Überbringers einnehmen. Da es aber keinen mächtigen Absender, keine unabhängige Sinnquelle gebe, würden wir haltlose, autoritätsschwache Nachrichten versenden. Und da alle darauf aus seien, sich selbst zu präsentieren, fänden diese schwachen Botschaften noch nicht einmal Zuhörer beziehungsweise Empfänger.
Die Audioanthropologie: „Wir sind von Grund auf Walkmen, Walkwomen, Walkchildren“
Doch wie hat sich unsere Kommunikationsgesellschaft überhaupt entwickelt? Laut Prof. Dr. Peter Sloterdijk ist unsere Gesellschaft von Grund auf audiophon – er leitet dies mittels einer Reise durch die Geschichte von Adam und Eva über Homer und Platon bis zur Gegenwart her. Seiner Meinung nach verstehen wir auch noch immer die Ursendung aus den Zeiten Adams und Evas, das Sprechen einer Mutter mit ihrem Kind. Dieses Urhörspiel schwingt für ihn heute noch in allem mit, das wir kommunizieren. Denn unser Ohr ist nicht grundlos unverschließbar: Wir manifestieren uns als Gemeinschaft über das Hören.
„Glücksfunk aus den alten Tagen“ – die Homeridische AudiophonieEinen bedeutenden Klang menschlicher Audiokommunikation macht Sloterdijk bei Homer aus: „Die verführerische Sirene, die den Mann in eine musikalische Umarmung locken will, ist ein böser Geist aus der Vergangenheit, ein infantiler Vampir, der das größte Glück verspricht und den scheußlichsten Tod bereithält.“ Eine Sirene weiß, was sie tut und möchte ihr Opfer bestmöglich manipulieren. Die Versprechungen der Sirenen sind eine „Machtmusik“, die den Menschen glauben lassen, er könne Mittelpunkt der Welt werden, allwissend sein, sein eigenes Schicksal kennend. In Odysseus’ Fall wurde er durch die Göttin Circe gerettet, die ihm von dem Manipulationsversuch erzählte: Odysseus verstopfte seinen Gefährten die Ohren mit Wachs und setzte sich selbst an einem Mast gefesselt dem Gesang der Sirenen aus. Wir Menschen haben aber keine Circe, die uns rettet.
„Als die Muse schreiben lernte“ – das Primat der Optik
Mit der Schrift taucht laut Sloterdijk ein starker Sinnsender auf, Radio Plato, der hinter der Audiophonie steht. Die platonische Welt ist seiner Meinung nach bis ins 20. Jahrhundert beherrscht durch das Visuelle, die Optik. Aber: „Natürlich weiß auch Platon, dass zu diesem photoradiologischen Primärprozess immer auch ein audiophoner Sekundärprozess gehören muss, weil ja die Urbildsendung über einen menschlichen Sprachapparat, ein Art phonetischem Kondensator, in Gehörbilder umgewandelt werden muss.“ Es handelt sich seiner Meinung nach lediglich um ein Primat der Optik, das aber eine verborgene Audiophonie beinhaltet. Ein Beispiel dafür sei Platons Dialog des Phaidros mit Lysias. Selbst in dieser platonischen Liebe erkennt er Teile des ursprünglichen Hörspiels, des Liebesgeflüsters von Mutter und Kind.
Moderne Medienmacher als audiophone Brutkästen
Was heißt das für unsere moderne Kommunikation? Und wie gehen wir mit dem Phänomen der schwachen, zahlreichen Sender um? Es sei, so Sloterdijk, ein großer Glücksfall, dass es immer auch Störsender gegeben habe. Denn hätte jemals nur ein Sender ungestört senden können, wäre ein Totalitarismus entstanden, ein radiologischer Imperialismus. Früher musste ein Bote im Namen eines Herrn sprechen, heute ist Kommunikation wesentlich diffuser. Nicht wenige Autoren sehnen sich daher nach einem semantischen Mittelalter mit starken Botschaften.
Und so beklagt Kafka seines Erachtens nach in der anfangs erwähnten Parabel den Zusammenbruch des logischen Feudalismus. Doch wie kommen wir mit der modernen Verlegenheit der schwachen Sendungen klar? Sloterdijk stellt die These auf, es müsse auch für moderne Medientheoretiker ein Apostolat geben. Dies könne eben kein totalitäres mehr sein, wie ein evangelisches, römisches oder platonisches. Sondern solle darin bestehen, dass wir uns bewusst machen, dass Menschwerden durch das Hervorrufen des Menschen durch den Menschen entsteht. Es ist ein Gattungsprozess, der durch unsere Sprechakte fortwährend besteht: „Wer gute Medienarbeit leistet, bleibt eum ipsum ein Gesandter der menschbildenen Sonospähre.“ Und so bleibt für den „guten Medienmacher“ der Rat, den Hörenden nicht voraus zu setzen, sondern ihn zu bewirken, zu evozieren.
Prof. Dr. Peter Sloterdijk
Prof. Dr. Peter Sloterdijk ist Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und dort als Professor für Philosophie und Ästhetik tätig. Er gilt als einer der populärsten Philosophen der Gegenwart. Bereits seit 1980 arbeitet Peter Sloterdijk als freier Schriftsteller und veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zu Fragen der Zeitdiagnostik, Kultur- und Religionsphilosophie sowie Kunsttheorie und Psychologie. Großen Erfolg feierte er neben Rüdiger Safranski als Leiter der Sendung „Das Philosophische Quartett“. Außerdem erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter beispielsweise 2005 den Siegmund Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa.
