Future Media Trend 2015

Vortrag von Michael Schütz zum RADIO DAY 2009

Welche Bedeutung wird dem Radio im Konzert der Medien im Jahr 2015 zukommen? Die Antwort darauf erhält das Publikum des RADIO DAY 2009 von einem Referenten in Schwimmweste: Diplom-Psychologe Michael Schütz vertritt die These, dass der moderne Mediennutzer zunehmenden „Verflüssigungserscheinungen“ in allen Lebensbereichen ausgesetzt ist, sich bis zum Jahr 2015 zunehmend freischwimmt und ihm seine individuelle Mediennutzug dabei wie eine Schwimmweste Halt und Struktur gewähren wird. Schütz stützt seine Prognose auf eine Studie des rheingold Instituts für qualitative Markt- und Medienanalysen, die den Future Media Trend 2015 untersucht hat. Darin wurde das aktuelle Nutzungsverhalten von Radio-Usern zwischen 14 und 54 – ausdrücklich keine Technik-Freaks, sondern „trendige Normals“ mit unterschiedlichen Hörgewohnheiten – durchleuchtet, ihre derzeitigen Wünsche und Ängste analysiert und auf die Zukunft projiziert.

„Liquid Modernity“ als Megatrend
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, das unsere Gesellschaft von einem aktuellen Megatrend bestimmt wird: „Liquid Modernity“ heißt das Schlagwort, das eine zunehmende „Verflüssigung“ aller Lebensbereiche beschreibt. Ob Arbeit, Liebe, Leben, Wirtschaft oder Essen – feste Strukturen oder Rituale sind überholt, die Unverbindlichkeit hat gesiegt. Das schafft Freiräume, geht aber gleichzeitig mit dem Verlust von Orientierungspunkten einher, wie Schütz seinem Publikum anhand von Beispielen aus allen Lebensbereichen demonstriert. Eine besondere Rolle kommt bei dieser Entwicklung den Medien zu: Einerseits begünstigen sie diesen Prozess, weil sie zum Beispiel mobil und zeitlich unabhängig nutzbar sind, andererseits liefern sie uns Halt und fungieren als Form- und Sinngeber in der Situation des Wandels. Deckt man hier jedoch sinnstiftende Muster und Verfassungen der verschiedenen Formen der Mediennutzung auf, so lassen sich zukünftige Trends vorhersehen, erläutert Schütz.

Meta-Medien-Verfassungen strukturieren den Alltag
Sechs unterschiedliche so genannte Meta-Medien-Verfassungen macht die Future Media Trend-Studie bei den Probanden aus. Durch diese werde der Versuch unternommen, einem Alltag in der sich verflüssigenden Gesellschaft Sinn, Form und Struktur zu verleihen, dabei zugleich die eigene Bewegungsfreiheit zu erhalten oder sogar noch zu vergrößern. Ob „Durch den Alltag navigieren“, „Schutzräume einrichten“, „Auf den Wellen surfen“, „Virtuell-bewegliche Gemeinschaften herstellen“, „Sich eingrenzen“ oder „In einen Sog geraten“ – einzeln betrachtet hat jede dieser von Schütz beschriebenen Gemütslagen unterschiedlich große Auswirkungen auf die prophezeite Art der Nutzung des Mediums Radio bis zum Jahr 2015. Ein grundlegendes Zukunftsszenario erscheint dabei jedoch wahrscheinlich, wie Schütz seinen Zuhörern belegt: Der Trend der Verflüssigung werde sich weiter fortsetzen, wodurch einige der sechs Meta-Verfassungen bis 2015 an besonderer Bedeutung gewännen. Bezogen auf die Mediennutzung führe das zu folgenden Erwartungen: Eine aktive, vielfältige und selbstbestimmte Nutzung von Radio, Internet, Mobiltelefon & Co zur Tagesstrukturierung und Lebensbewältigung werde ebenso weiter zunehmen wie die Abschottung des Einzelnen durch bestimmte Nutzungsgewohnheiten. Darüber hinaus steige der Wunsch nach „virtuell-beweglichen Gemeinschaften“, also die Suche nach dem Aufgehobensein in einer Gruppe über bestimmte Medien, ohne seine individuelle Freiheit dafür aufgeben zu müssen.

Große Chancen für das Radio
In diesen voraussichtlichen Entwicklungen erkennt Schütz ein großes Potenzial für das Medium Radio: Er erwartet, dass sich die Nutzung sowohl vertrauter UKW-Sender, die zusätzlich über das Internet verbreitet werden, als auch neuer Web-Radiosender in Zukunft erheblich erweitern wird. Dem Hörer stünden damit im Alltag zusätzliche Möglichkeiten zur Verfügung, um seine Alltagsabläufe zu stabilisieren und zu erden. Spezielle Programme, die beispielsweise eine bestimmte Musikrichtung oder Szene bedienen, erlaubten somit den Rückzug in den Schutzraum einer individuellen Welt und wären dabei durchlässig für weitere, parallel laufende Tätigkeiten, die eine Anbindung an die Außenwelt ermöglichten.
Diese neuen, halb-offenen Schutzräume werden im Zuge der allgemeinen Verflüssigungstendenz mobil und damit unterwegs nutzbar sein, so prophezeit der Referent – eine Entwicklung, die sich schon heute durch eine mobile Laptop-Nutzung, zum Beispiel zum Radiohören, abzeichnet. Und so werden sich nach Auffassung von Schütz bis zum Jahr 2015 internetfähige Handhelds weit verbreiten, über die man das Web-Radio-Angebot zahlreicher, spezialisierter Sender empfangen kann und die damit die Chance erhalten, im Wettbewerb zu MP3-Angeboten stehen zu können. Dem Nutzer ermöglichen sie eine separierende Anbindung an kleine, individualisierte Gruppen – und bieten ihm damit eine verlässliche „Schwimmweste“ in der „Liquid Modernity“.

Michael Schütz

Michael Schütz ist diplomierter Psychologe und seit 1997 bei rheingold, Institut für qualitative Markt- und Medienanalysen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind u.a. die tiefenpsychologische Forschung im Bereich Medien und Internet, die Werbewirkungsforschung und die internationale Forschung. Seit 2005 ist Schütz Leiter der Branchengruppe „Medien, Internet, Telekommunikation und Food“. Seit 2007 arbeitet er außerdem als Lehrbeauftragter für Wirtschaftspsychologie an der UMC (University of Management and Communication) in Potsdam.

Vortrag als Mitschnitt

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