Social Radio – Hörerbindung mit Twitter, Facebook und Co.
Panel mit Valerie Weber, Hans-Dieter Hillmoth, Christophe Montague und Jochen Rausch zum RADIO DAY 2010
Überschätzt oder noch lange nicht ausgeschöpft – erfahrene Radiomacher stellten sich einer Diskussion zu Social Radio: Was können Twitter, Facebook & Co für das Radio leisten und wie behält man die Kontrolle? Befragt nach ihrer aktuellen Einschätzung der Bedeutung, ergibt sich gleich zu Beginn der Runde auf dem RADIO DAY 2010 die Kontroverse: Während Weber, Montague und Hillmoth gerade in Twitter und Facebook die Chance sehen, neue und vor allem jüngere Zielgruppen zu erreichen, vertritt Rausch den Standpunkt, der Weg über diese Medien diene überwiegend der Hörerbindung.
Die Radio-Verantwortlichen gehen ins Detail
Hillmoth meint, für Sender, die vor allem das jüngere Publikum ansprechen wollen, ist eine Teilnahme an Facebook, Twitter und Co unerlässlich, um Radio weiterhin interessant zu halten. Jedoch sei dieses Extraangebot für die Sender bisher ohne zusätzlichen finanziellen Nutzen. Der Vorteil liege jedoch darin, durch den Kontakt über die verschiedenen Kanäle eine starke Intensität und Nähe zum Hörer zu schaffen – besonders wichtig bei einem Medium wie dem Radio, das von Emotionen lebt. Weber sieht im Facebook-typischen „Gefällt mir“-Button den modernen Nachfolger des Aufklebers, mit dem man früher seine Zugehörigkeit bekundete. Sie ist überzeugt von den durch Social Media ermöglichten neuen Echtzeit-Rückkanälen. Darüber könnten die Hörer ganz gezielt mit den Informationen angesprochen werden, die sie interessieren und zu denen sie dann Feedback geben. Dabei empfiehlt es sich nach ihrer Erfahrung, klar zu segmentieren. Das hieße, z.B. Twitter zur Übermittlung von Nachrichten, Facebook ausschließlich für Unterhaltung und Youtube für Musik zu nutzen. Montague sieht Social Media zurzeit noch als Experimentierfeld, da die Wirkung schwer messbar sei. Diese Kanäle eröffnen den Sendern aus seiner Sicht jedoch die Chance, an Hörer zu gelangen, die sonst für sie unerreichbar seien. Denn die junge Zielgruppe, die wieder mehr Radio hört, sei häufig nur noch über das Internet zu ködern. Rausch hingegen untermauert seine Kritik: Er hält zum Beispiel die über Facebook angesprochenen Personen, etwa ein Prozent der Hörerschaft, für die ohnehin schon „harten Fans“, die identisch mit einem Teil der regelmäßigen Nutzer sind. Damit dienen die neuen Medien nach seiner Ansicht nur dazu, eine treue Fangemeinde noch fester an einen Sender zu binden. Neue Hörer erreiche man nach seiner Ansicht auf diesem Weg nicht.
Wer twittert eigentlich – und wer schaut ihm auf die Finger?
Achten Radiostationen darauf, wer die Ansprache der Hörer über die neuen sozialen Medien übernimmt? Hier war sich die Runde einig: Die Moderatoren oder Mitarbeiter aus ihrem Umkreis müssen es sein, damit es authentisch statt peinlich wirkt. Grundsätzlich bekomme der Rolle des Moderators wieder gesteigerte Bedeutung zu. Dieser trage gerade durch seine Persönlichkeit dazu bei, Hörer zu binden.
So übernehmen bei fast allen Sendern Moderatoren oder Mitarbeiter aus dem engsten Team das Twittern oder die Beiträge bei Facebook und Co.. Weber merkt an, in diesem massenmedialen Dialog liege gleichzeitig die Gefahr, dass die Qualität der Sendung leide, wenn alle Aufgaben auf eine Person vereint würden. Während der Show auch die Social Media-Kanäle zu bedienen, sei daher wenig empfehlenswert. Hier muss es zukünftig heißen: Programmstrategie auf Interaktivität ausrichten. Das könne bedeuten, ergänzt Rausch, dass es z.B. sinnvoller sei, zusätzliche Redakteure einzustellen als Mitarbeiter ausschließlich für diese neuen Medien abzustellen. Diese neuen Mitarbeiter könnten dann ebenfalls alle Aufgaben übernehmen. Bei den Inhalten, die von den Mitarbeitern der Sender auf den neuen Wegen in Umlauf gebracht werden, sei ein großes Maß an Vertrauen gefragt, beantwortet er weiterhin die Frage nach der Kontrolle. Nicht jeder Tweet könne von den Verantwortlichen wahrgenommen werden, die natürlich trotzdem lesen müssen, was ihre Mitarbeiter verbreiten. Aber, so erklärt er weiter, dies mache auch einen gewissen Reiz der neuen Medien aus: Hier kämen Ecken und Kanten des Moderators zum Vorschein, die schließlich dessen Persönlichkeit ausmachen und damit die Hörer anspricht.
Auswirkung der neuen Medien auf das klassische Radio
Rausch prophezeit dem RADIO DAY-Publikum, dass sich die journalistische Arbeit in naher Zukunft durch die neue Medienwelt grundlegend verändern muss. Schon heute verbreiten sich Infos und Nachrichten auf allen Kanälen durch Nicht-Journalisten rasend schnell. Und so laute die Aufgabe für die Zukunft, sich auf die Kernkompetenzen des Radios zu besinnen und diese in die Gegenwart zu übertragen. Darunter versteht er zum Beispiel, das Internet für bestimmte Inhalte besser zu nutzen, z.B. Hörspiele als Downloads anzubieten. Montague sieht die Chance der digitalen Medien, junge Hörer z.B. in Communities im Netz gezielt mit ihren Interessen anzusprechem, z.B. als Fangruppe eines bestimmten Musikgeschmacks oder einer Band. Sowie ihnen gezielt Informationen zu liefern und mit ihnen auf diesem Weg Kontakt zu halten, um sie damit als Hörer zurück zu gewinnen. Alle Teilnehmer waren sich einig: Social Media darf dabei nicht zum kleinen, exklusiven Zwiegespräch zwischen einem Moderator und nur einem oder wenigen Hören werden.
Die Runde gab ihrem Publikum als Fazit mit auf den Weg: Das Radio kann die neuen Medien gut für sich nutzen – indem es auch im Bereich Social Media für jeden Kanal den richtigen Ton findet. Und indem es frische Konzepte entwickelt, die eine optimale Verknüpfung zwischen Radio und Facebook, Twitter und Co. ermöglichen.
Zusammenfassung vom 07. Oktober 2010
Hans-Dieter Hillmoth
Hans-Dieter Hillmoth ist Programmdirektor und Geschäftsführer von HIT RADIO FFH. Der profilierte Radiomann führt darüber hinaus seit 2008 die Geschäfte des Webradio-Konsortiums DIGITAL 5. Außerdem vertritt Hillmoth als Vize-Präsident des VPRT und Vorsitzender des Fachbereichs Radio und Audiodienste die Anliegen des privaten Hörfunks auf Verbandsebene.
Christophe Montague
Christophe Montague ist versierter Medienexperte und seit 2008 CEO International der NRJ Group. In 20 Jahren Hörfunk war er unter anderem Vorstandsmitglied und Geschäftsführer bei Radio NRJ Deutschland und arbeitete ebenso für die Unternehmen Advanced Medien, Bryan, Garnier und Co sowie die Verlagsgruppe Lübbe.
Jochen Rausch
Jochen Rausch ist vielseitiger Hörfunkspezialist. Der Mitbegründer von 1LIVE ist Programmchef des Jugendsenders und stellvertretender Direktor des WDR-Hörfunks. Außerdem ist Jochen Rausch Musiker und Autor. Bei den Lindenbergtracks von Udo Lindenberg verantwortete er die Elektronics und mit seinem Debütroman „Restlicht“ (Krimi) gewann er den renommierten Glauser-Preis.
Valerie Weber
Valerie Weber ist eine erfahrene Radiomacherin. Ihre Radiokarriere begann als Volontärin bei Radio Energy in Erlangen. Danach arbeitete sie als Redakteurin und Moderatorin bei Radio F und Hit Radio N1 in Nürnberg und später als Programmdirektorin bei der Ostseewelle in Rostock und bei Hit-Radio ANTENNE 1 in Stuttgart. Im Juli 2004 führte ihr Weg sie zu ANTENNE BAYERN. Dort verantwortet sie seither das Programm des Senders. Seit November 2006 ist sie ebenfalls Geschäftsführerin von ANTENNE BAYERN und ROCK ANTENNE.
